Ich bin früher angstfrei geritten – warum habe ich heute Angst?

„Früher bin ich überall geritten.“

„Ich bin mit jedem Pferd ins Gelände gegangen.“

„Vor 20 Jahren hätte ich darüber nicht einmal nachgedacht.“

Diesen Satz höre ich häufig von Reiterinnen, die sich wegen ihrer Ängste an mich wenden.

Viele sind überrascht, manchmal sogar enttäuscht von sich selbst. Sie fragen sich, warum sie früher mutig und unbeschwert waren und heute vor Situationen zurückschrecken, die früher selbstverständlich waren.

Vielleicht erkennst Du Dich darin wieder.

Die gute Nachricht ist: Du bist nicht allein. Und mit Dir stimmt nichts nicht.

Warum verändert sich die Angst mit den Jahren?

Als wir jünger waren, haben wir viele Dinge einfach gemacht.

Wir haben weniger nachgedacht, Risiken anders bewertet und uns oft schneller wieder aufgerappelt, wenn etwas schiefgegangen ist.

Mit zunehmendem Alter verändert sich jedoch unsere Sicht auf die Welt.

Wir haben mehr Erfahrungen gesammelt. Wir wissen, was passieren kann. Wir kennen Geschichten von Unfällen. Vielleicht haben wir selbst welche erlebt.

Unser Gehirn beginnt Risiken anders einzuschätzen.

Das ist kein Fehler.

Es ist ein natürlicher Schutzmechanismus.

Mehr Verantwortung verändert die Perspektive

Viele Reiterinnen berichten, dass ihre Ängste mit bestimmten Lebensphasen stärker geworden sind.

Zum Beispiel:

  • nach der Geburt eines Kindes
  • nach einer schweren Erkrankung
  • nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen
  • nach einem Unfall
  • mit zunehmendem Alter

Plötzlich geht es nicht mehr nur um uns selbst.

Gedanken wie:

„Was passiert, wenn mir etwas zustößt?“

oder

„Ich kann mir keine längere Verletzung leisten.“

werden wichtiger.

Diese Gedanken sind verständlich. Sie verändern aber auch die Art, wie wir Risiken wahrnehmen.

Erfahrung schützt nicht immer vor Angst

Viele glauben, dass erfahrene Reiter keine Angst haben müssten.

Das Gegenteil ist oft der Fall.

Wer viele Jahre mit Pferden verbracht hat, weiß genau, welche Situationen schwierig werden können.

Erfahrung schafft Wissen.

Und Wissen kann manchmal auch Sorgen verstärken.

Während ein junger Reiter denkt:

„Das wird schon gutgehen.“

denkt ein erfahrener Reiter vielleicht:

„Ich weiß, was alles passieren könnte.“

Das Pferd hat sich nicht verändert – Du schon

Oft erzählen mir Reiterinnen:

„Mein Pferd ist eigentlich genauso wie früher.“

Und tatsächlich hat sich das Pferd häufig kaum verändert.

Verändert hat sich die Person im Sattel.

Das bedeutet nicht, dass etwas falsch läuft.

Du hast Dich weiterentwickelt.

Deine Prioritäten haben sich verändert.

Dein Leben hat sich verändert.

Und damit auch Deine Wahrnehmung von Sicherheit.

Warum Wegdrücken selten funktioniert

Viele versuchen zunächst, ihre Angst zu ignorieren.

Sie sagen sich:

  • Stell Dich nicht so an.
  • Früher konntest Du das doch auch.
  • Du musst einfach mutiger werden.

Doch Angst verschwindet selten durch Selbstkritik.

Im Gegenteil.

Je mehr Druck wir uns machen, desto stärker wird häufig die innere Anspannung.

Das führt oft dazu, dass die Angst noch präsenter wird.

Was hilft stattdessen?

Der erste Schritt ist, die eigene Angst anzunehmen.

Nicht als Schwäche.

Sondern als Information.

Angst möchte verstanden werden.

Wenn wir beginnen, ihre Ursachen zu erkennen, verändert sich häufig bereits vieles.

Hilfreich sind oft:

  • Mental- und Emotionscoaching
  • das Auflösen belastender Erfahrungen
  • realistische und erreichbare Ziele
  • positive Erlebnisse mit dem Pferd
  • der Aufbau von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Du musst nicht wieder die Reiterin von früher werden

Viele Menschen setzen sich unter Druck, wieder genauso zu werden wie mit 20 oder 30.

Doch vielleicht geht es gar nicht darum.

Vielleicht geht es darum, eine neue Form von Sicherheit und Vertrauen zu entwickeln.

Eine, die zu Deinem heutigen Leben passt.

Eine, die Deine Erfahrungen berücksichtigt.

Und eine, die es Dir ermöglicht, das Reiten wieder zu genießen.

Fazit

Wenn Du früher angstfrei geritten bist und heute mehr Angst verspürst, bedeutet das nicht, dass Du schwächer geworden bist.

Du bist älter geworden, erfahrener geworden und hast mehr Verantwortung übernommen.

Das verändert die Art, wie Dein Gehirn Risiken bewertet.

Die Angst ist deshalb nicht Dein Gegner.

Sie ist ein Signal.

Wenn Du lernst, dieses Signal zu verstehen und die dahinterliegenden Ursachen zu bearbeiten, kann wieder etwas entstehen, das viele Reiter verloren glauben:

Vertrauen.

Nicht das Vertrauen einer 20-Jährigen.

Sondern das Vertrauen einer erfahrenen Reiterin, die sich selbst kennt, ihre Grenzen respektiert und trotzdem mit Freude im Sattel sitzt.

Häufige weitere Fragen zu Reitangst:

Reitangst oder mangelnde Ausbildung – woran erkenne ich den Unterschied?

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