Wenn Reittrainer die Faust in der Tasche machen

Über Geduld, Frustration und die Kunst, trotzdem ruhig zu bleiben

Wer als Reittrainer arbeitet, kennt diesen Moment nur zu gut: Das Pferd zeigt unerzogenes Verhalten – es drängelt, läuft über die Schulter, bleibt stehen, geht gegen den Zügel oder reagiert nicht auf Hilfen. Der Trainer erkennt relativ schnell, woran es liegt: an Unsicherheit, fehlender Konsequenz, falschem Timing oder schlicht an mangelnder Klarheit in der Kommunikation zwischen Reiter und Pferd.

Doch statt offen hinzuschauen, kommt häufig etwas anderes: eine Erklärung. Oder besser gesagt – eine Ausrede.

„Der ist heute komisch.“
„Das macht er sonst nie.“
„Im Internet habe ich gesehen, man soll das ganz anders machen.“
„Bei YouTube hat ein Trainer gesagt, man darf das Pferd nicht korrigieren.“

In solchen Momenten macht der Reittrainer innerlich oft die berühmte Faust in der Tasche.


Zwischen Fachwissen und Beratungsresistenz

Viele Reiter informieren sich heute intensiv im Internet. Plattformen wie YouTube, Instagram oder Google liefern eine riesige Menge an Trainingsansätzen, Tipps und vermeintlichen Lösungen. Das Problem dabei: Wissen wird aus dem Kontext gerissen.

Ein Video zeigt vielleicht eine Übung, ohne zu erklären:

  • welche Voraussetzungen Pferd und Reiter haben müssen

  • welche Fehler dabei häufig passieren

  • welche jahrelange Erfahrung hinter der scheinbar einfachen Bewegung steckt

Der Zuschauer sieht nur das Ergebnis – nicht den Weg dorthin.

So entsteht schnell eine trügerische Sicherheit: Man glaubt, verstanden zu haben, wie Pferdetraining funktioniert. In der Praxis zeigt sich dann aber, dass Theorie und Realität zwei verschiedene Welten sind.

Für Reittrainer ist das oft eine schwierige Situation. Sie sehen, was passiert – und wissen, dass bestimmte Erklärungen schlicht nicht stimmen. Doch sie wissen auch: Wenn ein Mensch gerade nicht bereit ist zuzuhören, hilft die beste Erklärung nichts.


Das Pferd lügt nicht

Während Menschen Ausreden formulieren können, ist das Pferd erstaunlich ehrlich. Sein Verhalten spiegelt meist sehr klar wider, was in der Kommunikation schiefläuft.

Ein Pferd:

  • testet Grenzen, wenn sie nicht klar gesetzt werden

  • wird unsicher, wenn Hilfen widersprüchlich sind

  • wird dominant, wenn Führung fehlt

  • wird passiv, wenn es keine Orientierung bekommt

Der Reittrainer sieht diese Zusammenhänge oft innerhalb weniger Minuten. Doch der Reiter erlebt etwas anderes: Er fühlt sich vielleicht kritisiert, überfordert oder missverstanden. Und genau hier entstehen die Ausreden – nicht aus Bosheit, sondern aus einem inneren Schutzmechanismus.


Warum Trainer manchmal schweigen

Viele Trainer haben im Laufe der Jahre gelernt, dass nicht jeder Moment der richtige für Wahrheit ist.

Man könnte natürlich sofort sagen:
„Das liegt an deinem Timing.“
„Du bist zu unklar.“
„Du lässt dem Pferd Dinge durchgehen.“

Doch solche Aussagen landen schnell auf der persönlichen Ebene. Statt Einsicht entsteht Verteidigung.

Also entscheiden sich manche Trainer für einen anderen Weg: Sie machen die Faust in der Tasche und arbeiten indirekt.

Sie lassen den Reiter etwas ausprobieren.
Sie stellen Fragen statt Vorwürfe zu formulieren.
Sie warten, bis der Reiter selbst merkt, dass etwas nicht funktioniert.

Denn echte Veränderung passiert selten durch Belehrung. Sie entsteht durch Erfahrung und Erkenntnis.


Die stille Frustration der Profis

Trotzdem bleibt ein Gefühl, das viele Trainer kennen: Frustration.

Nicht, weil sie Recht haben wollen – sondern weil sie sehen, wie leicht Probleme lösbar wären, wenn der Reiter bereit wäre, einen Schritt zurückzugehen und wirklich hinzuschauen.

Manchmal steht das Pferd dabei zwischen zwei Welten:

  • der Welt der Theorie aus dem Internet

  • und der Welt der praktischen Erfahrung

Der Trainer versucht, beide zu verbinden. Doch wenn jemand nur hören möchte, was seine eigene Meinung bestätigt, wird jede Beratung schwierig.


Der entscheidende Unterschied: Wissen vs. Erfahrung

Im Pferdesport gibt es eine Wahrheit, die man nur schwer digital vermitteln kann: Timing, Gefühl und Präsenz entstehen nicht durch Videos.

Man kann hundert Stunden über Reiten sprechen.
Man kann tausend Videos anschauen.

Aber die feine Kommunikation zwischen Mensch und Pferd entsteht nur in der Praxis – durch Fehler, Korrekturen und Wiederholungen.

Ein guter Trainer bringt deshalb etwas mit, das Google nicht liefern kann: Erfahrung im Moment.

Er sieht das Pferd.
Er sieht den Reiter.
Er sieht die Dynamik zwischen beiden.

Und genau deshalb macht er manchmal die Faust in der Tasche – weil er weiß, dass Lernen Zeit braucht.


Wenn Reiter bereit sind hinzusehen

Die schönsten Momente im Training entstehen dann, wenn ein Reiter plötzlich innehält und sagt:

„Warte mal… das lag gerade an mir, oder?“

In diesem Moment öffnet sich eine Tür.
Dann wird aus Rechtfertigung Lernen.

Und genau dafür bleiben gute Trainer geduldig – auch wenn sie innerlich manchmal die Faust in der Tasche machen müssen.

Denn am Ende geht es nicht darum, wer Recht hat.
Es geht darum, dass Mensch und Pferd sich wirklich verstehen lernen.